Fachtag „Alles schon gesehen? Beziehungen und Sexualität Jugendlicher im Internetzeitalter“

Fachtag „Alles schon gesehen? Beziehungen und Sexualität Jugendlicher im Internetzeitalter“ in Tübingen

Am 15. April des letzten Jahres fand in Tübingen ein Fachtag statt, mitorganisiert und in weiten Teilen mitgestaltet von der pro familia Beratungsstelle in Tübingen, in Kooperation mit der Tübinger Initiative für Mädchenarbeit (TIMA) und der Tübinger Fachstelle für Jungen- und Männerarbeit (Pfunzkerle). Nicht zuletzt durch die Teilnahme der durch viele Veröffentlichungen zum Thema den Fachleuten bekannten Frau Prof. Nicola Döring von der Universität Ilmenau, trug dieser Fachtag ganz im Sinne der Organisatoren zu einem differenzierteren Gespräch über den Umgang Jugendlicher mit der Online-Sexualität bei.
Gut besucht – es kamen über 100 Teilnehmer, vornehmlich Fachkräfte aus dem Landkreis Tübingen, in die Alte Aula der Universität Tübingen – war der Fachtag ein großer Erfolg für die Veranstalter, zu denen neben den Organisatoren noch Universität, Stadt und Landkreis, sowie der Tübinger Facharbeitskreis Mädchenarbeit zählte. Gefördert wurde die Veranstaltung von der Glücksspirale.

Eine Besonderheit dieses Fachtages war, dass neben dem einführenden Übersichtsreferat von Frau Prof. Döring über den Umgang Jugendlicher mit Online-Pornografie und dem diesem gegenübergestellten Fachvortrag von kritischen Fällen aus der Praxis – gehalten von Eva-Maria Lohner (Institut für Erziehungswissenschaft an der Uni Tübingen) und Armin Krohe-Amann (Pfunzkerle) – auch die Sicht jener vorgestellt und erlebbar wurde, die einen direkten finanziellen Nutzen aus dieser Online-Pornografie ziehen: den Vermarktern der diversen Onlineportale und –angebote. „Internet is for Porn“, so war der Titel des Vortrags des Soziologen Richard Joos, der selbst in dieser Branche tätig gewesen war. Durch die von ihm auch im Vortrag verwendete Sprache und das Zeigen von Screenshots der einschlägigen Websites gelang es ihm, diese Wirklichkeit ins Bewusstsein zu bringen: ein für pädagogisches Fachpersonal sicher bis an der Grenze des Zumutbaren gehender Blick in die Realität des Geschäfts.

Inhaltlich ging es im Eröffnungsvortrag von Frau Döring wie auch in dem von ihr angebotenen Workshop um eine veränderte Sichtweise in der Forschung: weg von einer „Medienwirkungsforschung“, in der diejenigen, auf die die Medien wirken, blass bleiben, hin zu einer „Medienaneigungsforschung“, in der eben diejenigen, die mit den Medien und ihren Inhalten umgehenden, diese aktiv rezipierenden Personen – hier: die Jugendlichen – in den Blick kommen. Dies führt zu einer differenzierenden Sicht, bei der die Unterschiede auf Seiten der Rezipienten, ihr Hintergrund, wie auch die Variablen, die diese Aneignung in der einen oder anderen Richtung beeinflussen, stärker in den Blick kommen.
In dieser Forschung zeigt sich, dass die Jugendlichen in ihrer großen Mehrheit, durchaus in der Lage sind, mit den Inhalten der Online-Sexualität, in einer ihrer Entwicklung förderlichen Weise umzugehen. Es schärft jedoch gleichzeitig den Blick für diejenigen unter den Jugendlichen, die hier Schaden nehmen können.
Insofern bestand auch kein grundsätzlicher Widerspruch – wenngleich ein solcher aus fachlicher Sicht oft betont wird –zu dem nachfolgenden Vortrag von Eva-Maria Lohner und Armin Krohe-Amann zu einzelnen Praxisfällen, bei denen eben die Hintergründe und konkreten Schwierigkeiten in den Blick kamen, warum einzelne Jugendliche nicht oder nur mit fachlicher Unterstützung zu einem selbstbestimmten Umgang mit solchen Inhalten des Internets kommen.

In den auf die Vorträge folgenden Workshops, angeboten von Frau Döring und von den Organisatoren, wurden weitere Fragen differenziert behandelt: Gudrun Schäfer und Clemens Zeller von der pro familia Tübingen loteten mit von den Teilnehmern selbst mitgebrachten Fallbeispielen die Bandbreite des Verhaltens Jugendlicher im Umgang mit den Neuen Medien und der eigenen Sexualität weiter aus, hier wurden u.a. Phänomene wie Sexting und Cybergrooming angesprochen, und gingen der Frage nach, wo, wann und wie Fachkräfte hier unterstützend tätig werden können. Petra Sartingen und Armin Krohe-Amann gingen in ihren Workshops der Frage nach, wie diese Inhalte und der Umgang damit in Beziehungen zur Sprache gebracht werden können. Und der Frage, wie hier Grenzen ausgelotet werden können. Grit Heideker und Eberhard Wolz, beide ebenfalls von der Tübinger pro familia Beratungsstelle, ging es ebenfalls um die Bandbreite und eine feinere Differenzierung in ihrem Workshop zu den Fragen von Jugendlichen in der pro familia Onlineberatung sextra.de. Frau Döring ging es ebenfalls um das ganze Spektrum sexualbezogener Online-Aktivitäten von Jugendlichen und die damit einhergehenden Chancen und Risiken. Ihr ging es dabei nicht zuletzt darum zu zeigen, welche Bedeutung das Internet für die sexuelle Sozialisation von Jugendlichen, die Minoritäten angehören (z.B. lesbische, schwule, trans* Jugendliche, sowie Jugendliche mit Behinderung) haben kann.

Neben den Fachleuten kamen am Ende der Veranstaltung in einer Podiumsdiskussion Jugendliche selbst zu Wort. Ihr geradezu erfrischender Blick auf die Thematik und auch auf sich selbst wie auf Ihre Altersgenoss innen, war abschließende Bestätigung für die Einsicht, dass es auch was dieses Thema anbelangt, gut ist, mit den Jugendlichen zu reden, und sich nicht nur in – mehr eigenen Vorbehalten und Ängsten geschuldeten – Vorstellungen über sie zu ergehen. Der differenziert-humorvollen Blick der Jugendlichen auf sich und ihre Altersgenoss innen lassen den begründeten Schluss zu, dass Jugendliche weitaus besser mit dem Internet und der darin dargestellten Sexualität klar kommen und auch sich weitaus besser in der Auseinandersetzung und im Umgang damit entwickeln, als von den erwachsenen Fachkräften befürchtet.